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System SBF

Inventarisation der Sammlung
mit HIDA-MIDAS
Nana Petzet

Ausstellungszeitraum

24. Februar
bis 24. März 2002
Mi. – Fr. 16-18 Uhr
Sa. + So. 11-13 Uhr
und nach Vereinbarung

Ausstellungsort

Cuxhavener Kunstverein
Große Hardewiek 35, Cuxhaven

Rahmenprogramm

Eröffnung
Einführung: Dr. Katja Kwastek, Ludwig-Maximilians-Universität München
24. Februar, 11.00

Podiumsdiskussion
zum Thema „Die Zukunft des grünen Punktes“ mit Repräsentanten der heimischen Wirtschaft
28. Februar, 19.30 Uhr

Workshop
zur Inventarisierung der Sammlung
1. bis 3. März

Künstlergespräch
und Präsentation der Ergebnisse des Workshops
3. März, 11 Uhr

Führungen
mittwochs, 
jeweils 18 Uhr

Mit der Unterstützung dieses künstlerischen Projektes will der Cuxhavener Kunstverein einen Beitrag leisten zur interdisziplinären Diskussion von Künstlern und Wissenschaftlern über die Implikationen von musealer Inventarisierung und die Grenzen des Kunstbegriffs.

Seit 1995 propagiert Nana Petzet ihr SBF-System (Sammeln – Bewahren – Forschen) als „ökologische Alternative zum Grünen Punkt /Dualen System”. In diesem System wird der in Haushalten anfallende Müll im Haus selbst wiederverwendet, repariert, umfunktioniert. Die entstehende „wissenschaftliche Sammlung” wird dann aber wieder als das behandelt, was sie eigentlich ist: Kunst. Diese soll museumstauglich dokumentiert und inventarisiert werden.

Dabei bedient sich die Künstlerin einer computergestützten Datenbank, die in vielen deutschen Museen und Denkmalämtern seit 1991 verwendet wird, aber keineswegs unumstritten ist: HIDA MIDAS.

In der Ausstellung im Cuxhavener Kunstverein wird die Künstlerin ihren gesamten Sammlungsbestand präsentieren und als work in progress die Erfassung beenden. Dabei sollen eine Podiumsdiskusssion mit Repräsentanten der heimischen Wirtschaft, Gespräche mit Besuchern und Zwischenberichte die Reflexion über das SBF-System der Künstlerin anregen. Ein Workshop mit Studierenden der Kunstgeschichte soll in direkter Diskussion von Künstlerin und Kunsthistorikern die Probleme veranschaulichen, mit denen sich Wissenschaftler, aber auch Besucher gerade bei der Erfassung und Interpretation von Objektkunst konfrontiert sehen: Wann wird das Objekt zur Kunst und wie kann ich es mit einem klassischen Kunstbegriff noch fassen?

Es erscheint ein Katalog.

Seit 1995 propagiert Nana Petzet ihr SBF-System (Sammeln – Bewahren – Forschen) als „ökologische Alternative zum Grünen Punkt / Dualen System“. In diesem System wird der in Haushalten anfallende Müll im Haus selbst wiederverwendet, repariert, umfunktioniert.

Gerade durch die konsequente Durchführung und „wissenschaftliche“ Dokumentation des Projektes führt sie zwar einerseits die Absurdität ihres eigenen Projektes, aber andererseits eben auch die Absurdität bestehender Systeme vor.
In ihrem Beitrag zur Ausstellung „einräumen“ in der Hamburger Kunsthalle ging sie noch einen Schritt weiter, indem sie ihre „wissenschaftliche Sammlung“ wieder als das behandelte, was sie eigentlich ist: Kunst. Diese Kunstwerke gelangen ins Museum und sollen museumstauglich inventarisiert werden. Dabei bedient sich die Künstlerin einer computergestützten Datenbank, die in vielen deutschen Museen und Denkmalämtern seit 1991 verwendet wird, aber keineswegs unumstritten ist: HIDA MIDAS.

MIDAS, das Marburger Inventarisations- Dokumentations- und Administrationssystem ist ein am Bildarchiv Foto Marburg entwickeltes Verfahren für die Dokumentation /Inventarisation und Verwaltung von Kunst- und Bauwerken mit Hilfe elektronischer Datenverarbeitung. Es bietet ein umfassendes, hierarchisch und relational verknüpftes Modell für die Strukturierung kunst- und bauhistorischer Daten einschließlich ihres chronologischen, biographischen, geographischen und bibliographischen Kontextes. Ein detailliertes Regelwerk liefert einheitliche Ansetzungsregeln, z. B. für Künstlernamen, Ortsangaben und Gattungs-/Materialbezeichnungen und integriert bestehende Regelwerke anderer Wissenschaftsund Verwaltungsfelder. Zur ikonographischen Klassifizierung wird das in den Niederlanden entwickelte ICONCLASS-System (Iconographic Classification System) verwendet, das durch ein hierarchiv aufgebautes, alphanumerisches System Darstellungsinhalte weitgehend sprachunabhängig zu erfassen erlaubt. Zur Erfassung mit dem Regelwerk MIDAS wird meist das Datenbankprogramm HIDA verwandt, das von der startext GmbH in Bonn für das Bildarchiv erarbeitet wurde. Im sogenannten DISKUS-Verbund (digitales Informationssystem für Kunst und Sozialgeschichte) werden die Daten in Marburg zu einem Pool gesammelt, einer Redaktion unterzogen und den teilnehmenden Instituten wieder zur Verfügung gestellt, sowie auf CD-Rom veröffentlicht.

Obwohl seit nunmehr 10 Jahren in vielen deutschen Museen und Denkmalämtern mit MIDAS erfasst wird, ist dieses Projekt keineswegs unumstritten: Neben einer Kritik an der Benutzer-Unfreundlichkeit des Programms stellt sich vor allem die Frage, inwieweit Museen und Denkmalämter überhaupt ihre Werke einer detaillierten Dokumentation unterziehen können und wollen und ob die systematische Erfassung in einer festgelegten Datenbank mit Thesauruslisten, die das Werk einer logischen, kategorisierenden Betrachtung unterwirft, dem Kunstwerk gerecht wird. Diese Frage stellt sich umso mehr bei zeitgenössischer Kunst, der mit den klassischen Kategorien der bildenden Kunst nur schwer beizukommen ist.

Im Rahmen des Projektes von Nana Petzet wurden bisher 114 Objekte exemplarisch erfasst. Dabei wurden verschiedene Erfassungstypen (verschiedene Fragestellungen, unterschiedlicher Aufbau) erprobt. Es wurde bewusst angestrebt, die Software (HIDA), insbesondere jedoch das verwendete Regelwerk (MIDAS) in all ihren bzw. seinen Möglichkeiten anzuwenden, um einerseits Einsichten in die Strukturen der Objekte und über das Erkenntnisinteresse und die Vorgehensweise der Künstlerin zu erhalten und andererseits zu überprüfen, inwieweit ein an traditionellen Kunstformen des Abendlandes orientiertes und entwickeltes Regelwerk zur Klassifikation von Kunstwerken auf alltägliche Gegenstände anwendbar ist und damit auch dem erweiterten Kunstbegriff Rechnung trägt. Schon in der kurzen Ausstellungsphase in der Hamburger Kunsthalle zeigte sich, dass eine ausführliche Beschäftigung mit den Implikationen des Systems und eine weitergehende Diskussion dringend überfällig Sind.

In der Ausstellung im Cuxhavener Kunstverein will die Künstlerin ihren gesamten Sammlungsbestand präsentieren und als work in progress die Erfassung abschließen. Dabei sollen Gespräche mit Besuchern, Zwischenberichte und Kurzvorträge die Reflexion über das System einleiten. Um sowohl Erfassung als auch Diskussion auf einer breiten Basis durchführen zu können, soll das Kunsthistorische Institut der Universität München eingebunden werden, eines der wenigen Hochschulinstitute, das einen Schwerpunkt im Bereich der computergestützten Kunstgeschichte hat. Hier sollen deshalb Kunstgeschichtsstudenten die Erfassungsarbeit der Künstlerin unterstützen und die Diskussion von wissenschaftlicher Seite her begleiten. Eine umfangreiche Publikation der Ergebnisse ist Bestandteil des Projektes.

Mit der Installation wird in anschaulicher Weise die paradoxe Struktur unseres Umgangs mit den Dingen aufgezeigt: Überproduktion, Wegwerfmentalität und Abfallproblematik auf der einen Seite, Tendenz zur Musealisierung mit dem Dogma des Bewahrens, Substanzfetischismus und überquellenden Depots auf der anderen Seite. Die den Objekten immanente Alltäglichkeit und ursprüngliche Wertlosigkeit legt die Frage nach der Grenze zwischen Kunst und Leben nahe, deren Beantwortung mit Hilfe einer Datenbank sicher ein ungewöhnlicher, bei aller Strenge der Durchführung durchaus „künstlerischer“ Versuch ist. Die von künstlerischer Seite initiierte theoretische Diskussion stellt ein neues Modell der interdisziplinären Arbeit im Kulturbereich dar, die aufgrund des entlarvenden, provokativen Charakters der Installation eine neue Sicht auf die Dinge verspricht und längst überfällig ist: Trotz der immensen Gelder, die seitens der Anwender in die Dokumentation mit bestehenden Systemen wie in die Programmierung neuer Möglichkeiten investiert werden, ist die gemeinsame Reflexion über die Dokumentationsverfahren nicht gegeben. Zwar stellen auf Kongressen immer wieder einzelne Firmen und Museen ihre Systeme vor, eine öffentliche Diskussion gerade der weitergehenden Implikationen findet jedoch nicht statt. Umso wichtiger ist es, dass sich Künstler selbst in diese Frage einmischen und von einem anderen Standpunkt aus die Diskussion, die ja letztlich die Bewahrung ihres geistigen Eigentums betrifft, in Gang bringen. Gerade hier sind die Kunstvereine gefragt, um die Künstler zu unterstützen, da sie unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten die Diskussion vorantreiben und dokumentieren können.

Nana Petzet, geb. 1962 in München, hinterfragt vom Standpunkt der Künstlerin aus die Systeme nicht nur des Kunst, sondern auch des Wissenschaftsbetriebs.

Sie imitiert physikalische und restauratorische Experimente und hält inszenierte wissenschaftliche Vorträge, um die Mechanismen der Wissenschaft zu entlarven.

>> Die Website der Künstlerin

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