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So hoch da droben

Christine Biehler

Ausstellungszeitraum

29. September
bis 28. Oktober 2001
Mi. – Fr. 16-18 Uhr
Sa. + So. 11-13 Uhr
und nach Vereinbarung

Ausstellungsort

Cuxhavener Kunstverein
Große Hardewiek 35, Cuxhaven

Rahmenprogramm

Eröffnung
28. September, 19.30 Uhr

Die Arbeiten von Christine Biehler gehen von den architektonischen Besonderheiten der Ausstellungsräume aus und bilden im Einsatz ungewöhnlicher Materialien überraschende Kommentare zu Funktion und Geschichte.

Die olfaktorischen und haptischen Reize der Installationen verführen, ziehen an und beziehen den Betrachter ein, während unangenehme Töne, Fragilität oder Klebrigkeit eher Distanz gebieten. Diese Ambivalenz wird gesucht, ebenso wie eine Form der Skulptur, die mit reduzierter Masse – bis hin zum Körperverzicht – enormes Volumen erzeugt.

In Cuxhaven frisst sich ein ausgehöhlter Eisberg gleichsam weit durch die Decke des nebligen und eisigen Ausstellungsraumes, den der Betrachter über einen Metallsteg betreten kann. Leitgedanke ist, eine gebirgige Landschaft – vielleicht ein Gebirgsmassiv mit Gletschern im Nebel – in das flache Land, hier, in den Ausstellungsraum des Kunstvereins zu bringen. Material sind dabei die romantischen Sehnsüchte, die man mit dem Anblick einer “unberührten Natur” verbindet.

Aber diese Natur gibt sich – neonlichtbestrahlt – als unerreichbar, synthetisch, als Konstrukt und Modell zu erkennen: ein künstlicher Ort für unsere Träume von Größe und Erhabenheit.
“Beim Landschaftsbild ginge es nicht um eine dokumentarische Auflistung von tatsächlich Vorhandenem, das könne auch die Fotografie leisten. Nein, das Landschaftsbild bilde Bühne und Ort für das Heroische und Ideale, und die Tiefe das Bildraumes leite über zur kosmischen Dimension noch nicht gedachter Utopien, den Orten der Kunst” (zitiert nach Cohen, 1887)

Der Ausstellungsraum ist spürbar abgekühlt, leichter Nebel hängt in der Luft. Wer sich auf dem vorgegebenen Weg zur Raummitte in das hell ausgeleuchtete Zentrum der Installation „so hoch da droben“ begibt, kann „nach oben“, durch die Decke in einen durch eine gleißende weiße Aushöhlung vergrößerten Raum blicken.

 

EIS5.tifSo hoch da droben
2001. Installation. Kunstverein Cuxhaven
Deckendurchbruch, Eis, Laufroste, Silikon, Dampfbefeuchter, Nebelmaschine, Halogenstrahler
Vorraum: Parkbank, Postkartenständer, Wandzeichnung aus weißem Hochglanzlack, Abfalleimer

 

Von diesem teils feucht-glasigen, teils samtig-bereiften Gewölbe scheint die Kälte auszugehen. Die ansonsten niedrigen Räume des Kunstvereins werden durch den künstlerischen Eingriff als solche thematisiert und praktisch wie ideell erweitert.

Eine Eisskulptur ragt weit in das erste Stockwerk hinein und platziert sich so nicht im, sondern oberhalb des Ausstellungsraumes. Unter dem Betrachter entfaltet sich eine großflächige Linienzeichnung, die die Bodenfläche dynamisiert und aufweicht. Aufgebockte Gehroste führen über das „Linienmeer“ hinweg, beidseitig flankiert von zwei hochbeinigen Kästen, aus denen ab und an etwas Dampf tritt.

Der Titel zitiert Lieder aus der Romantik, in denen Naturschönheiten der Heimat gepriesen werden. Er deutet bereits an, dass hier in Ergänzung der sonstigen Kur- und touristischen Aktivitäten Cuxhavens mit dem Material Eis ein Naturschauspiel besonderer Art inszeniert wird. Die erzählerischen Komponenten verbunden mit den starken sinnlichen Eindrücken der Installation lassen es zu, „so hoch da droben“ zum einen als Einladung zu einem Ausflug zu einer Wolken verhangenen Bergspitze oder Wanderung zu einer Höhle zu begreifen; die Linien lesbar als topografische Karte. Zum anderen könnten wir uns auch in einer Polarstation befinden, in der mit zwei Sensoren Messungen durchgeführt werden. Vielleicht ist das Organische, was sich da in die Architektur eingenistet hat, auch ein verlassener Riesenkokon?

Der fast leer geräumte Eingangsbereich des Kunstvereins ist der Vorraum „zur Bühne“. Eine Sitzbank, ein Abfalleimer und ein Postkartenständer bezeichnen ihn als Rastplatz oder Talstation.
„So hoch da droben“ versetzt den Betrachter in einen „Kältedom“. Die Sehnsüchte und Bedürfnisse, die man mit dem Anblick einer „unberührten Natur“ verbindet, werden einerseits verführerisch geweckt und berührt, andererseits ergänzt und korrigiert.

Denn das, was sich anbietet Naturereignis zu sein, Projektionsfläche für unsere Träume von Größe und Erhabenheit – der weiße Gipfel, die Eiswüste – ist ein Ingenieurskonstrukt, bestenfalls künstliche, Neonlicht bestrahlte Kulisse. Christine Biehler zeigt „Natur“ als „Kunst- und Schaustück“, dem man sich in dieser Installation nur auf Laufstegen nähern kann. So ist die Rezeptionssituation selbst auf die Bühne gebracht – „so hoch da droben“ wird zum Modell einer Landschaftsschau.

Christine BiehlerChristine Biehler, 1964 geboren in Landau/Pfalz, ist Bildende Künstlerin, Kunstvermittlerin und Projektorganisatorin.

Im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis steht die Transformation von Räumen mittels Installation, Intervention und Aktion. Eine Installation entsteht vor Ort und bezieht sich auf dessen Vorgaben. Die ortsspezifischen Arbeiten sind von vornherein als „temporäre Stücke“ gedacht und verdichten sich mittels kalkulierter Eingriffe zu poetischen RaumBildern, die die Wahrnehmung der Orte ihres Geschehens nachhaltig beeinflussen oder befragen. Sparten übergreifend nutzt sie viele Materialien und Techniken. Temperatur- und Geruchsunterschiede, Eingriffe in die Architektur, wie Bohrungen und Durchbrüche, modellhafte Einbauten oder Spuren eines fiktiven Geschehens, wie etwa die Zerstörung eines Galerieraumes, wecken einen assoziativen Hof von persönlichen Erzählungen und Erinnerungen. Skulptur gewinnt eine zeitliche Dimension, die sich auch in dem Einsatz von Flüchtigem und Flüssigem als Werkstoffe wie etwa Eis, Spiegelung, Schaum und Dampf zeigt. Das Werk erhält ab einem gewissen Punkt ein Eigenleben und wird zum Ereignis, das einen mit mehreren Sinnen beansprucht. Die plastischen Eingriffe erlauben es dem Betrachter die raumgreifenden Arbeiten und deren räumliche Zusammensichten durch die eigene Standortnahme zu erlaufen.

Stationen: Studium in Mainz, Berlin und an der HBK Braunschweig. 1. und 2. Staatsexamen, Diplom, Meisterschülerin. Seit 1991 Ausstellungen im In- und Ausland; zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. vom Kunstfonds oder den Ministerien in Hessen und Rheinland-Pfalz. Seit 1991 als freischaffende Künstlerin tätig. Von 1999 – 2010 Professuren an den Universitäten Dortmund und Hildesheim und der Kunsthochschule Kassel. Schwerpunkte der künstlerischen Forschung und Lehre: Prozessuale Skulptur, Rauminstallation und Kunst im öffentlichen Raum. Lebt bei Frankfurt/M.

>> Die Website von Christine Biehler

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