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Die Jugend von heute

Ausstellungszeitraum

8. Juli bis 14. August 2016

Mi. – Fr. 16-18 Uhr
Sa. + So. 11-13 Uhr
und nach Vereinbarung

Ausstellungsort

Cuxhavener Kunstverein
Segelckestraße 25, Cuxhaven

Rahmenprogramm

Eröffnung
8. Juli, 19 Uhr
Begrüßung
Hans Hochfeld
Einführung
Jochen Hünnebeck

 

In der zweiten Ausstellung, die im Rahmen des Jahresprogrammes Tempora – Die Zeiten ändern sich im Cuxhavener Kunstverein gezeigt wird, stellen die Bildhauerin Katrin Wegemann und der Multimedia-Künstler Martin Brand die Gegenwart in den Mittelpunkt ihrer thematischen Reflexion des demographischen Wandels.

„Die Jugend von heute“ als Floskel ist stets auch verbunden mit der Kritik dessen, was gerade passiert und der Furcht vor dem, was sich aus dem Gegenwärtigen entwickeln könnte. Die Ausstellung soll alte und junge Besucher dazu motivieren, gemeinsam über Ängste und Sorgen zu sprechen, um so die aktuelle demographische Entwicklung unserer Stadt zu reflektieren und um Verständnis zu schaffen für die andere Generation.

Fließen 21t

Wandel – das ist das Thema im Werk der Bildhauerin und Installationskünstlerin Katrin Wegemann. Ihre Arbeiten werden häufig mit Infinitiven betitelt, die den Ablauf eines Wandels im Kontext des verwendeten Materials beschreiben. So ist es weiße Schokolade die in der Installation SCHMELZEN, 37° C bei Körpertemperatur schmilzt. Oder es tropft Wachs von rotierenden Kerzen in ein Wasserbecken bei der Arbeit TROPFEN, 50° C.

In Cuxhaven zeigt die Künstlerin eine Arbeit, bei der ebenfalls ein Wandel metaphorisch durch einen Vorgang in Erscheinung tritt. Jedoch wird bei dieser Arbeit die Mithilfe der Besucher zu einem wichtigen Aspekt. Dies ist nicht nur für die Entstehung der Arbeit von Bedeutung, sondern auch für den versinnbildlichten Prozess. Denn mit der Arbeit wird, zumindest auf einer Ebene, der demografische Wandel hinsichtlich seiner topografischen Auswirkungen thematisiert.
Der Titel Fließen 21,5t macht zum einen auf die Masse des Materials aufmerksam, welche mit 21 Tonnen getrocknetem Siebsand erheblich ist. Zum anderen wird mit dem unbestimmten Verb Fließen der Prozess genannt, welcher den Wandel sichtbar und sinnlich greifbar macht. Die Künstlerin bezieht sich in ihrem Konzept auf den Ausstellungsraum, der aufgrund seiner flächigen Struktur eine kartographische Situation aufweist. Der Sand kann für verschiedene Assoziationen dienen, denn er stellt einen Bezug zur Küstenregion her, ist aber auch ein wesentliches Baumaterial. Mit der demographischen Entwicklung gehen auch Verschiebungen ganzer Bevölkerungsgruppen einher. Mitunter wird hierbei schon von einer neuen Völkerwanderung gesprochen. Hierdurch wachsen einige Regionen erheblich an, und andere Gebiete flachen bildhaft gesprochen zunehmend ab. In ihrer Installation hat Katrin Wegemann einen größeren Trichter befestigt, während kleinere Trichter flexibel im Raum verwendet werden können. Die Besucher werden um Mithilfe gebeten, den Sand durch die entsprechenden Trichter fließen! zu lassen. Hierbei entstehen auf dem gesamten Gebiet neue Erhebungen.

Experten sprechen bei der demographischen Entwicklung nicht von einem Wandel, da dieser Begriff impliziert, dass etwas Statisches in Bewegung kommt. Dies ist jedoch falsch, da die Bevölkerung niemals einen statischen Moment erreicht. Stellt man sich die Bevölkerung als plastischen Korpus vor, der immerwährend neu modelliert wird, ist der Gedankensprung zur Sozialen Plastik nicht sehr weit. Und der partizipative Teil macht deutlich, wer für die Modellierung tätig ist. Jeder Mensch ist ein Künstler. Diese Feststellung wurde schon immer gerne missverstanden. Im Kontext der plastischen Installation Katrin Wegemanns wird diese Aussage sehr deutlich und verständlich gemacht. In gewissem Sinne ist diese Installation die Metapher einer Metapher und bekommt somit tautologischen Charakter.

Martin Brand
Sense of Doubt

Martin Brand befasst sich in seinen Arbeiten mit dem Thema Identität und interessiert sich dabei für soziale Gruppen und sogenannte Subkulturen. In seiner Installation Sense of Doubt entscheidet er sich aus gutem Grund gegen ein Darstellen von Jugendlichen, wie er es bei Portraits of Young Men oder Pit Bull Germany gemacht hat. Denn der Ausstellungstitel Die Jugend von heute verspricht, was er nicht halten kann, bzw. nicht halten möchte.

Die Jugend und gerade die Jugend von heute ist kein klar abgestecktes Feld. Somit würde auch jeder Versuch scheitern, die Jugend als Exponat zu präsentieren. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Jugend lässt sich unmöglich als klares Bild abzeichnen. Daher wählt Martin Brand einen anderen Zugang, der viele, aber nie eindeutige Assoziationen zulässt. Diese Uneindeutigkeit zeigt sich auch im gewählten Medium: So ist sich der Betrachter bei einigen Aufnahmen nie sicher, ob er gerade eine Fotografie oder eine Videosequenz sieht. Formales mischt sich auf poetisch-assoziative Weise mit Inhaltlichem.

Die Bronze-Plastik von Kurt-Wolf von Borries (1957) zeigt den jungen Ikarus im Höhenflug. Mit der Figur wird jugendliche Leichtigkeit aber auch Naivität verbunden, zumal wir um sein Ende wissen. Die Plastik steht eigentlich im Dialog mit dem dahinterliegenden Schulgebäude. Die Bedeutungs-Ambivalenz, die sich hierbei auftut, zeigt sich auch in der Darstellungsweise. So meint der Betrachter eine Fotografie vor sich zu haben. Jedoch macht ein diffuses Rauschen deutlich, dass es sich um eine Filmsequenz handelt.

Ein Loop zeigt einen Wasserstrudel. Das Wasser ist dunkel und verspricht Unheilvolles. Die Aufnahme entstand bei der Alten Liebe in Cuxhaven. Weitere Aufnahmen zeigen Cuxhaven bei Nacht. Es sind ungewohnte Bilder, oder besser, ungewohnte Sichtweisen auf die scheinbar bekannte Stadt.

In einer Sequenz scheint es zunächst so, als sähe man das Standbild eines Balanceaktes: Ein Skater versucht das Gleichgewicht auf den Hinterachsen seines Skatebordes zu halten. Die Ebene ist abschüssig. Bei längerem Schauen fällt auf, dass sich das Bild bewegt. Es erscheint sogar kurz eine weitere Person im Bild. Das Verharren in dieser Position ist ein Wechselspiel aus Unruhe und Gleichgewicht.

Eine kleine Arbeit zeigt einen Arm. Offenbar wurde mit einer scharfen Klinge I´m fine eingeritzt. Dieser scheinbare Widerspruch ist eine Kernaussage in Sense of Doubt. Alles ist uneindeutig und diffus. Beim längeren Betrachten entsteht ein altbekanntes Gefühl der inneren Unruhe.

„Die Jugend von heute….“ ist auch immer ein verbaler Anlauf, der sich gegen die Jugendkultur richtet und diese unter Generalverdacht stellt, sich nicht an gegebene Normen zu halten. Im Kontext des demografischen Wandels stellt sich die Frage, welche Normen gültig sind und durch wen sie definiert werden. Die Zeiten ändern sich, ist eine Worthülse, die hier mit Vermutungen, Hoffnungen und Ängsten gefüllt werden kann. Ein weiteres Assoziationsspektrum tut sich hierbei auf, welches durchaus auch Zweifel schürende Aspekte aufblitzen lässt.

 

wegemannKatrin Wegemann wurde 1982 in Recklinghausen geboren und studierte bis 2009 freie Kunst und Bildhauerei in Deutschland, Italien, Kanada und Japan.

Ihr Diplom machte sie 2008 bei Inge Mahn und wurde Meisterschülerin von Else Gabriel. 2010 wurde die Künstlerin mit dem GWK Förderpreis Kunst ausgezeichnet, 2014 wurde sie von der Stiftung Preußischer Seehandlung mit dem Eberhard Roters-Stipendium ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Wegemanns Arbeiten sind in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsent. In der Städtischen Galerie Reutlingen stellte die Künstlerin 2014 die vom Hagel durchlöcherten Rolläden ihrer Wohnung aus. Wie Bilder hingen die Rollläden an den Wänden des Ausstellungsraums.

>>Die Website der Künstlerin

 

martin-brandMartin Brand wurde 1975 in Bochum geboren und studierte bis 2002 Kunst und Germanistik in Bochum und Dortmund. Er lebt und arbeitet in Köln.

Im Rahmen seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt er sich mit gesellschaftlichen Vorgängen und Zuständen, denen er filmisch, fotografisch und sprachlich nachspürt. Ausgangspunkt für ihn sind häufig soziale Phänomene, die er als verstörend, irritierend und verunsichernd empfindet, die ihn zugleich aber auch anziehen und faszinieren. Von der Oberfläche ausgehend versucht er Zusammenhänge und Strukturen offen zu legen, hinter die Fassaden zu schauen und den Betrachter schließlich mit einem Gegenüber zu konfrontieren, das ihn zu einer kritischen Auseinandersetzung herausfordert. Themen wie Jugend- und Subkultur, Identitätssuche, Gewalt, Gender-Stereotype, Orientierung an Vorbildern, Beeinflussung durch Medien und Werbung, Gruppenhierarchien und -mechanismen, Angst und Schmerz spielen in seinen Arbeiten immer wieder eine zentrale Rolle.

Seine Werke wurden auf zahlreichen Ausstellungen und Festivals im In- und Ausland gezeigt, er erhielt Stipendien und Künstlerresidenzen und wurde mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. Im Rahmen einer Ausstellung im Museum Villa Stuck in München erschien 2013 sein dritter Einzelkatalog mit dem Titel „Ricochet #6 Martin Brand“, der eine Auswahl seiner bisherigen Arbeiten zeigt. (Fotocredit: Andrea Dingeldein 2015)

>>Die Website des Künstlers

Eine schöne Impression aus der Arbeit Fließen 21t von Katrin Wegemann.
Video: Martin Brand